Einfach so

Gemischte Gefühle

Als Jenni die Fotos aus meinem Kindheitsalbum in eine Collage verwandelte und über den Esstisch hängte, war ich nicht begeistert. Ehrlich gesagt bin ich es immer noch nicht so richtig … und doch hat es sein Gutes. Ich stelle fest, dass die Mädchen sich die Fotos öfters ansehen und darüber reden. Sie sind der Meinung, dass meine Kindheit so eine Art Bullerbü war. Hühner, Dorfleben und Ostsee, also Happiness pur. Nun, in gewisser Weise war es idyllisch, aber es hatte natürlich auch seine Schattenseiten. Die unterschwellige und manchmal sehr offene Agressivität meiner Mutter, die oft in Gewaltausbrüche umschlug, zum Beipiel. Zur Schule ging ich in erster Linie mit einer gewissen Freude, weil ich dort meine gesellschaftlichen Kontakte am Laufen halten konnte. Autoritäre Lehrer:innen und so weiter, nahm ich mit einem Achselzucken in Kauf. Vor allem weil es mir ohne großen Aufwand gelang mich durchzmogeln. Keine Einserschülerin, aber gerade so Durchschnitt. Aber auch das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Oft genug alleingelassen, um zum Beispiel die Trauer um die geliebte Großmutter zu verarbeiten. Ich will damit meinen Eltern keine böse Absicht unterstellen, sie waren halt auch überfordert, mit diesem Kind, das dauernd in Geschichten abdriftete und sich ihnen nur schwer verständlich machen konnte. Das wiederum führte dazu, dass ich es gar nicht mehr versuchte, sondern mir Wege zurechtwurstelte um klar zu kommen.

Irgendwann kam dann die Zeit, in der ich die Enge nicht mehr aushielt und nur noch weg wollte. In der ich Vorstellungen von einem Leben zu entwickeln begann, die mit denen in meinem Elternhaus kollidierten. Eine zeitlang habe ich noch versucht, mich anzupassen, doch dann kam es zum totalen Knacks, der bis heute nicht geheilt ist. Meine Mutter hat mir nie verziehen, dass ich nicht das Kind war, das sie verdient zu haben glaubte. Mein Vater hielt sich raus; und ich ging weg. Das lief nicht unbedingt gut. Ich war ruhelos, war mir sicher niemals in dem Beruf arbeiten zu können, den ich mir am meisten wünschte und begann ziemlich massiv zu trinken, was sich durch eine exzentrische Partnerwahl noch verstärkte. Nein, ich bin nicht in eine gute Zeit gegangen und doch bereue ich es im Nachhinein nicht, obwohl mir so einige Verletzungen, die damals entstanden, noch zu schaffen machen. Zwei Vergewaltigungen, diverse Versuche vom Alkohol wegzukommen, sowie zwei gescheitere Ehen, haben ihre Spuren hinterlassen.

Ende 1999 dann war ich soweit, dass ich mir das Leben nehmen wollte. Dazu kam es nicht auf Grunde eines luziden Traumes, in dem ich eine Person traf, die klar sagte: Es ist noch nicht an der Zeit! Ich glaubte ihr und begann Pläne für ein Weiterleben zu machen. Die waren nicht konkret. Doch als ich eines Tages nach Kiel fuhr, war beim überfahren der Stadtgrenze eine Stimme in mir, die sagte: Hier kannst du glücklich werden! Kurz darauf traf ich mich mit Leuten, denen ich davon erzählte und zwei Tage später hatte ich eine Wohnung und das Jahr 2000 begann für mich in Kiel. Die Stimme hatte recht, ich bin dort glücklich geworden, habe die Liebe meines Lebens getroffen und zu Schreiben angefangen, also nicht nur für die Schublade, sondern mit dem Ziel zu veröffentlichen. Ich bin also angekommen.

Es war nicht unbedingt ein leichter Weg, doch wozu um den Schnee vom vergangenen Jahr weinen? Sicher das Verhältnis zu meiner Herkunftsfamilie ist immer noch gespannt. Wir sind höflich zueinander, passen aber auf, dass wir uns nicht zu nahe kommen. Das Verhältnis zu meiner Tochter und meinen Enkelinnen hingegen ist eng und voller Liebe, die auch Viktor mit einschließt.

Ich habe sehr viel wofür ich dankbar bin und so einige Fotos berühren mich mittlerweile positiv. Besonders die von den Ostseeurlauben.

Mein Name ist Karin Braun, ich bin Autorin, Herausgeberin, Übersetzerin und Seit über 40 Jahren wandle ich, poetisch gesprochen, auf dem alten Pfad und beschäftige mit mit Druidcraft, Tarot und Raunächten. Dazu schreibe ich und halte auch Vorträge.

3 Kommentare

  • Gudrun

    Ich habe beim Lesen öfter heftig schlucken müssen. Es waren wirklich eine Menge Steine, die du dir aus dem Weg räumen musstest. Und du hast es geschafft. Um so schöner ist es, dass du Ruhe und Liebe in Kiel gefunden hast. Halt sie ganz fest. Das wünsche ich dir.
    Liebe Grüße

    • Kabra

      Ja, es war nicht immer leicht. Aber für wen ist es das schon wirklich? Ich hadere nicht mit der Vergangenheit, ich bin einfach froh, dass es nun gut ist. Alles Liebe

  • birgit

    ach herrje diese fotos von damals
    das bild ist leider zu klein um genaueres zu sehen aber diese fotos gibts auch von mir – diese kleidung diese familien bilder
    nur keines auf denen ich renne – da hieß es gleich : vorsicht fall nicht und schon lag ich ‍♀️
    und dein satz :… die tochter die sie verdient hätte… hat mich sehr berührt – die war ich auch nicht

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